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Kernaussage

Die bekannte „Lernpyramide“ mit Prozentzahlen ist wissenschaftlich nicht belegt und ein Beispiel dafür, wie sich unbegründete Behauptungen über Jahrzehnte als scheinbare Wahrheit etablieren können.

Ausgangspunkt

In der Weiterbildungs- und Trainingsbranche kursiert
seit Jahrzehnten eine Grafik mit Prozentzahlen zum
Lernerfolg, z. B.:

  • 10 % durch Lesen
  • 20 % durch Sehen
  • 30 % durch Hören
  • 50 % durch Sehen & Hören
  • 70 % durch Zusammenarbeit
  • 90 % durch eigenes Tun

Diese Grafik wurde häufig mit Studien von Michelene Chi
oder mit Dale’s „Cone of Experience“ begründet.

Zentrale Kritik

Die zitierte Studie von Michelene Chi[1] enthält diese Grafik und Prozentzahlen nicht.
Chi selbst bestätigte, dass die Grafik nicht von ihr stammt.

Auch Edgar Dales[2] „Cone of Experience“ (1946) enthielt keine Prozentzahlen und beruhte nicht auf empirischer Forschung. Dale warnte sogar davor, sein Modell zu wörtlich zu nehmen.

Herkunft der falschen Zahlen

Die Prozentzahlen lassen sich vermutlich auf einen Artikel von D. G. Treichler (1967) zurückführen – ohne wissenschaftliche Belege. D. G. Treichler war Vertriebstrainer.

Später wurden Dales Modell und diese unbelegten Zahlen künstlich miteinander kombiniert.

Die Zahlen wurden im Laufe der Zeit mehrfach verändert, angepasst oder falsch zitiert, teilweise offenbar bewusst irreführend.

Wissenschaftliche Kritik

Die Prozentzahlen sind methodisch unsinnig, weil:

  • Lernformen nicht isoliert vergleichbar sind (z. B. Lesen vs. Sehen).
  • Testergebnisse vom Testformat abhängen.
  • Lernkontext und Messmethode das Ergebnis beeinflussen.
  • Die Zahlen „zu glatt“ wirken (Vielfache von 10 ohne klare Quelle).

Es gibt keinerlei belastbare Forschung, die diese exakten Prozentwerte stützt.

 Problem

Die Grafik wurde weltweit verbreitet und beeinflusste:

  • Lehrentscheidungen
  • Trainingskonzepte
  • Produktverkäufe
  • Hochschullehre
  • Fortbildungsprüfungen

Fazit

Die Lernpyramide ist ein Mythos – so wie die Lerntypen.

Echte lernförderliche Bedingungen sind:

  1. Kognitive Aktivierung statt bloßer Methodenvielfalt,
  2. Vorwissen aktivieren und anschlussfähig lernen,
  3. Elaboration und Tiefenverarbeitung ermöglichen,
  4. Feedback und formative Rückmeldung integrieren,
  5. Übung, Abruf und Transfer systematisch gestalten

 

Was das Lernen fördert – mehr dazu hier:

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[1] Michelene T. H. Chi (geb. 1950) ist eine US-amerikanische kognitive Psychologin und Lernforscherin, die vor allem für ihre Arbeiten zum Expertise-Erwerb, Problemlösen und konzeptuellen Verständnis bekannt ist.

[2] Edgar Dale (1900–1985) war ein US-amerikanischer Pädagoge und Medienforscher.
Er gilt als einer der frühen Theoretiker audiovisueller Bildung und beschäftigte sich mit der Frage, wie unterschiedliche Medien Lernprozesse unterstützen.